Warum Verlustangst Weiterentwicklung fördern kann

Verlustangst Frau
Verlustangst Frau

Das ganze Leben ist Beziehung, von der Wiege bis zur Bahre bewegen wir uns zwischen zwei Beziehungsformen: der Beziehung zu anderen Menschen und der Beziehung zu uns selbst.

Wird der Blick auf eine dieser beiden Beziehungen vernachlässigt, kommt es zu einem Ungleichgewicht. Dies zeigt sich meiner Erfahrung nach häufig in Liebesbeziehungen.  Wer sich selbst nicht lieben kann, hat auch Schwierigkeiten dem Partner zu glauben, dass der einen wirklich liebt. Und die Angst vor dem Verlust des Partners wächst. Trifft diese Angst auf negative Vorerfahrungen in früheren Partnerschaften, oder wurde in der Kindheit, Verlust und Trennung erlebt, festigt sich das Gefühl, bzw. die Angst, den anderen verlieren zu können.

Eifersucht

Eifersucht und Kontrolle

Frauen berichten im Coaching davon, eine unglaubliche Angst zu haben, dass der Partner fremdgeht und sie verlässt. Manche Frauen kontrollieren zwanghaft, als könnten sie damit vermeiden, dass es dazu kommt. Natürlich führen gerade diese eifersuchtsbedingten Kontrollen und Ängste im Endeffekt zu genau dem, was befürchtet wird: der Partner bricht unter der Last des Misstrauens, das ihm entgegen gebracht wird, zusammen und möchte die Beziehung beenden. Ein entspanntes Miteinander wird durch Verlassensängste unmöglich gemacht. Und anschließend findet sich der Verlassene in der Rolle des Opfers wieder. Bei genauem Hinsehen stellt sich die Frage, ob der Eifersüchtige nicht auch  "Täter" ist. Auch wenn das den Partnern nicht bewußt ist: Erpresserisches und manipulatives Verhalten wird oft als letzte Möglichkeit gesehen, den anderen zu halten.

Stilles Leiden und sich anstrengen

Andere Frauen, verschließen sich ganz in sich selbst. Sie wissen, dass wenn sie kontrollieren, oder offen eifersüchtig reagieren, sie das Ende der Beziehung riskieren. Sie leiden still und oft strengen sie sich unglaublich an, die Beziehung zu halten, fast scheint es so, als wollten sie dies um jeden Preis. Es gibt Frauen, die richten ihren gesamten Tagesablauf nach den Bedürfnissen des Partners, die verbieten sich, alleine für sich Zeit zu verbringen. Sie verleugnen regelrecht ihre eigenen Bedürfnisse und beginnen "sich selbst zu verlieren", die eigene Persönlichkeit aufzugeben. Dieses zeitweise Einnehmen einer Art Mutterrolle für den Partner durch übermäßiges Umsorgen, sich unersetzlich zu machen, kann auch als Manipulationsversuch gewertet werden, um den Partner dazu zu bewegen, sich nicht zu trennen.

Rückzug

Die Chancen der Verlustangst

Eine Frau, die mit Verlustangst in mein Coaching kommt, ist bereit, genau hinzuschauen und in jedem Fall in ein anderes Handeln kommen möchte. Ihr ist klar, dass sie dafür auch ihre bisherige Denkweise erweitern muss.

Wenn ich die Frauen frage, wie sie sich fühlen, wenn sie sich selbst innerhalb der Beziehung beobachten, kommt meist die Antwort "Nicht gut". Das ist ein guter Ausgangspunkt für das Coaching. Meist spüren die Frauen genau, dass sie sich zu sehr anpassen, unterordnen und manchmal sogar richtig anbiedern. Ganz oft spüre ich ihre heilige Wut auf den Partner, der das oft sehr genießt, so angehimmelt zu werden. Was diesen Frauen oft nicht bewußt ist, ist die Tatsache, dass sie ihre Partner versuchen an sich zu binden, indem sie diese beste Version ihrer Selbst präsentieren, was das Erfüllen der Bedürfnisse des Partners betrifft. Das dies als Manipulationsmaßnahme zu bewerten ist, ist neu für die meisten Frauen.

Magie

Und dann kommt er, der magische Moment...

Die Partner dieser passiven Frauen fühlen sich frei, zu tun und zu lassen, was sie möchten. Sie reflektieren oft gar nicht, wie es der Frau wirklich geht, weil die nicht darüber spricht.  Wenn die Frau im Coaching lernt, klar zu äußern, was sie nicht mehr bereit ist zuzulassen, oder welche Freiräume sie sich nehmen will, reagieren viele Partner zunächst irritiert. Diese, für die Frauen ungewohnten und mit Ängsten behafteten Gespräche, übe ich im Rollenspiel, wenn das gewünscht wird. Ganz oft bekommen die Frauen, nachdem sie sagen, was sie verändern wollen das, was sie sich wünschen, aber bisher schwerlich zu erreichen war: Ein Gespräch auf Augenhöhe und oft auch die Bereitschaft des Partners, offen Neues für die Beziehung auszuhandeln. Dies ist ein respektvoller Umgang, den beide Partner lange schon vermisst haben. Die Frau spürt, wenn sie die Verantwortung für ihr Leben und die eigenen Seelenbedürfnisse übernimmt, hat sie die Macht sich selbst zu heilen. Im Coaching spürt sie, sie kann die Beziehung zu ihrem Mann verändern, indem sie die Beziehung zu sich selbst verändert und für sich selbst geht. Ich liebe diesen magischen Moment, denn an dieser Stelle ist die Verlustangst zu etwas gut gewesen. Sie hatte ein positives Motiv! Denn sie war das Vergrößerungsglas für die Gefahr die eigene Persönlichkeit zu verlieren.

Was ist schlimmer: den Partner, oder sich selbst zu verlieren?

Wenn ich diese Frage den Frauen stelle, kann ich in ihren Augen den Zweifel sehen, weil ihnen beides gleich schlimm erscheint. Mein Ziel ist es, mein Gegenüber für sich selbst zu sensibilisieren. Die Frau spürt, dass eine Änderung zum Besseren hin nur geschieht, wenn sie selbst Dinge anders angeht. Nur so wird aus einer sich passiv Unterordnenden, eine machtvoll Handelnde, die ihre Opferrolle hinter sich lässt. Frauen können dann konkretisieren, was sie für sich verändern wollen. Im letzten Beziehungscoaching erzählte eine junge Frau, dass sie sich nach der Aussprache mit ihrem Partner, jetzt viel mehr Zeit für sich selbst nimmt und lange Spaziergänge im Wald macht. Das würde ihren Partner jetzt dermaßen verunsichern, dass er schon frage, ob sie sich mit Jemandem treffe. Ihr Partner sei sich ihrer immer sicher gewesen. Und logischerweise erlebt die Frau dann auch die andere Seite der Beziehungsunsicherheit kennen, was sehr wichtig ist. Jetzt wehrt auch sie sich gegen die misstrauischen Fragen. Beide kennen die aktive und die passive Rolle bei der Angst den Partner zu verlieren. Und können jetzt auch ihre früheren Manipulations- und Festhaltversuche als solche erkennen.

Ich erlebe es immer wieder, dass Paare, die diese wichtige Weiterentwicklung durchleben, eine ganz neue Form von Beziehung leben können, die gesund ist, auf Augenhöhe und die auch Zukunft hat. Denn letztendlich muss jeder Mensch lernen, sich erst einmal selbst zu lieben und für sich zu gehen. Erst danach ist die Liebesfähigkeit erweitert auf andere Menschen. 

An dieser Stelle möchte ich die Worte von Fritz Perls zitieren, der eine Lanze dafür bricht, das "Ich" und das "Du" zu wahren und zu respektieren. Ich selbst ergänze an der Stelle: Nur dann wird aus Ich+Ich=Wir im Gleichgewicht. 

Fritz Perls

7 Tipps, um dich nicht von der Verlustangst steuern zu lassen:

  • Nimm dir Zeit für dich und reflektiere, ob du, um nicht zu verlieren, zu viele Kompromisse eingehst. Lebst du dein Leben?
  • Kläre mit deinem Partner offen den Spielraum der Freiheiten, den ihr euch lasst.
  • Pflege deine Freundschaften und deine Hobbys, damit du Anerkennung auch außerhalb deiner Partnerschaft erlebst.
  • Lebe deine Träume und achte auf deine Bedürfnisse.
  • Lerne dir ein inneres Stoppschild vorzuhalten, wenn du dich gedanklich ausgiebig in Szenarien, den Partner an jemand anderes zu verlieren, bewegst.
  • Wenn du das Gefühl hast, deine Eifersucht "vergiftet dich" und du hast deshalb schon mehrere Partnerschaften verloren, hole dir professionelle Hilfe.
  • Vergiss nie: dein Partner hat dich gewählt, weil er sich in DICH verliebt hat. 
Wenn dir der Artikel gefallen hat, würde mich sehr über einen Kommentar freuen.


Solltest du selbst unterstützt werden wollen bei dem Thema Verlustangst, würde ich mich von Herzen freuen, dich begleiten zu dürfen.

Herzlichst

Hildegard Kremer


Expertin für das Heben deiner inneren Schätze

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Über den Autor Hildegard

Hildegard Kremer ist Coach für Frauen und Paare in Krisen. Sie entwickelte das Kintsugi-Coaching, das entstanden ist aus ihrer Idee, sich die Philosophie des japanischen Kintsugi- Verfahrens zunutze zu machen im Coaching mit Frauen und mit Paaren. Zerbrechen-Zusammenfügen-Vergolden der Bruchstellen sind die Elemente mit denen sie arbeitet.

Hier findest du mich :
  • Danke liebe Hildegard für Deine Zeilen. Das empfinde ich auch eines der wichtigsten Aspekte in unserer Werdung zum wahrhaftigen Menschsein und da zeigt uns die Angst vor Verlust einen wunderbaren Spiegel für die eigene Ent-Wicklung und das Erkennen, dass wir im Grunde alles in uns tragen 💖🙌🏻

  • Dinah-Ann sagt:

    Toller Artikel! Habe ihn gern gelesen und ich liebe Fritzen’s Gestaltgebet!!!

  • Liebe Hildegard. Danke für diesen tollen Beitrag. Du nennst ein paar wichtige Aspekte. Selbstliebe, Selbstachtung das sind die wichtigsten Parameter in unserem Leben, wie ich finde. Sie sind ein starker Motor im Leben, nicht nur in Beziehung. Danke dass du es uns bewusst machst. LG Gaby.

  • Corinna sagt:

    Danke liebe Hildegard, für diesen super Artikel. Ein ganz ganz wichtiges und sensibles Thema. Erstaunlich auch, wie sehr in uns immer noch dieses Muster wirkt, sich nicht selbst zu wichtig nehmen zu dürfen. Genau das verhindert, gerne bei sich zu sein, sich zu sehen und zu lieben. Schön, dass du dafür sensibilisierst!
    Herzlichst, Corinna

  • Walburga sagt:

    Vielen Dank liebe Hildegard für diesen tollen Beitrag. Als ich anfing, mich mehr um mich zu kümmern und mich zu lieben lösten sich nach und nach viele Herausforderungen. Ich wurde innerlich freier, habe mich mehr meinen Interessen gewidmet und auch Verständnis für die Hobbys und dem was meinem Mann wichtig ist, entwickelt. Es ist so wichtig, um sich selbst lieben zu können.
    Herzliche Grüße, Walburga

  • Ingrid sagt:

    Wie war das noch: In jeder (neuen) Beziehung begegnet man zuerst einmal sich selbst.

    Und wenn es schwer fällt auf sich selbst zu schauen und aus alten Mustern herauszuwachsen, ist professionelle Hilfe – wie bei dir, liebe Hildegard – wertvoll.

  • Katharina sagt:

    Liebe Hildegard! Das ist wieder ein wunderschöner Artikel! Ich kann mir ganz toll vorstellen, wie einfühlsam Du in Deinen Coaching-Stunden bist!
    Danke für Dein Wirken! Liebe Grüße Katharina

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